Sich vom Haus, Auto und den ganzen materiellen Gegenständen zu lösen ist uns ziemlich leicht gefallen. Nun musste man sich endlich die Zeit nehmen, um alle Dinge zu sortieren, zu verschenken, zur Aufbewahrung da zu lassen bis wir irgendwann wieder da sind, Unbrauchbares wegzuschmeißen. Es wurde tagelang gemacht und getan und es waren immer noch so viele Sachen um uns herum. Wie konnte sich so viel ansammeln? Wir haben doch regelmäßig ausgemistet. Wofür haben wir das noch? Braucht kein Mensch sowas und vieles noch in doppelter Ausführung. Je leerer es um uns wurde, desto befreiter fühlten wir uns. Eins ist uns jetzt deutlich geworden. Je mehr man besitzt, desto mehr Zeit und Lebensenergie verschwendet man, um diese zu sortieren, einzuräumen, sauber zu machen und vor allem diese zu suchen. Unser „Komfort“ hat einen hohen Preis. Den Tausch einzugehen, Luxus gegen Befreiung, erscheint uns sinnvoll.
Eine ganz andere Nummer
ist es, wie im Buch vom Paolo Coelho „Der Alchimist“ als Hirte, seine liebsten Schafe zu verlassen. Unsere liebe Familie war jahrelang in unmittelbarer Nähe. Die Kinder sind wie Geschwister miteinander aufgewachsen, sind zusammen zur Schule gegangen und waren für einander da.
In letzter Zeit hatten wir viel um die Ohren und haben unsere Liebsten vernachlässigt. Umso mehr ist uns bewusst geworden, was für tolle Freunde wir haben. Unsere Kinder wurden beschäftigt und verpflegt, damit wir mit unserem Ausbau voran kommen. Wenn wir mit unseren Freunden tagelang kaum gesprochen haben und deren Einladungen verschieben mussten, (es gibt immer was zu tun bei so einem großen Projekt) haben sich unsere Freunde angekündigt, sind bei uns aufgetaucht, um einfach gemeinsame Zeit zu verbringen.
Echte Freunde sind bereit anzunehmen, wenn man sich verändert. Wir haben verzweifeltes Unverständnis in den Augen vieler unserer nahestehenden Menschen gesehen, als wir über unsere Reise aufgeklärt haben. Doch nur einzelne haben diese Entscheidung angenommen und toleriert, ohne begreifen zu müssen. Wir wurden unterstützt so gut es geht und bei allem was an Aufgaben angefallen ist. Und wir mussten noch nicht einmal darum bitten. Wir sind so dankbar für alles. Der Abschied fällt schwer.
Alle waren sie da
Wir haben uns umarmt und verabschiedet. Wir fahren los und nach einer Minute fangen beide unsere Mädels unerwartet an aus tiefster Seele zu weinen. Sie erkannten, dass wir uns alle wohl nicht all zu bald wieder sehen werden. Jetzt ist wirklich allen bewusst geworden, was uns bevorsteht. Diese Traurigkeit fühlte sich richtig an. Wir Eltern waren froh, das die Kinder diesen wichtigen Moment begriffen und gefühlt haben.
Mit Anlaufschwierigkeiten und Verzögerung begann unsere Reise Richtung Schweden. Eine Testfahrt blieb uns -dank Corona- verwehrt. Am 8. Juni 2020 ging es dann endgültig los nach Rostock. Mit der Fähre sind wir nach Trelleborg gefahren. Nach der Ankunft sind wir weitere 1,5 Stunden Fahrt auf sich genommen und einen See zum Nächtigen angesteuert. Am nächsten Tag stand nämlich Remote-Arbeiten auf dem Programm, also sind wir für einen Tag geblieben.
Gesetz der ersten Tage
Mehrfach haben wir die Erfahrung gemacht, die ersten beiden Tage eine Reise sind nicht so toll. Auch hier haben wir darauf gewartet, doch glücklicherweise gab es keine negativen Vorfälle. Zwar ist der See nicht der schönste, aber alles ist voll okay.
Südschweden – der eigene Weg durch die Coronazeit
Morgens in der Früh versammelten sich am See hunderte von Kindern. Alle sind mit dem Fahrrad gekommen. Ein Schulausflug der ganzen Schule?
Es ist zwar ein Schild mit dem Hinweis auf Abstandhaltung. Doch keiner der Kinder oder Lehrer hält sich daran. Es wird getobt, Kinder spielen, laufen und liegen oder sitzen in Grüppchen auf Picknick-Decken. Eine enge Schlange von Kindern steht an, um von den Lehrern Pommes und Snacks zu bekommen. Töchterchen Milana fragt mich sofort: „Mama, gibt es in Schweden kein Corona? Warum halten die keinen Abstand?“ Milana bestand darauf, unsere Picknick-Decke in einer einsamen Ecke zu platzieren. Den Kunstunterricht unserer Mädels haben wir auf den Seestrand verlegt, um eine Schildkröten-Skulptur zu bauen. Auch da achten als Einzige nur unsere Kids auf Abstand.
Im Supermarkt haben wir keinen einzigen Mundschutz gesehen und auch hier keine Spur von Abstand halten. Nur die Kassierer tragen Handschuhe. Mit gemischten Gefühlen geht man da in den Laden rein. Wir haben uns gescheut unseren Mund- und Nasenschutz anzuziehen. Eigentlich blöd von uns. Um so mehr haben wir uns vor Besuchern fern gehalten und sind so schnell es geht wieder aus dem Laden geflohen.
So soll es aber nur in Südschweden zugehen, haben wir gehört. Im Norden von Schweden leben die Menschen viel ländlicher und hocken nicht so aufeinander. Die Hochsaison für Touries dauert nur 4 Monate und viele Campingplätze sollen finanzielle Schwierigkeiten haben. Trotzdem haben viele Campingplätze nur für Dauerbesucher geöffnet.
Es gab hier wohl eine große Sterberate in den Altenheimen, da das Land die Pflegekräfte letztes Jahr schon um einiges reduziert hat. Die Pflegekräfte hatten kaum zusätzliche Schutzkleidung und die Besucher gingen ein und aus. So konnte sich der Virus in vielen Seniorenheimen verbreiten.
Optimierung im Van
Es ist eine Kunst im kleinen Van mit 4 Personen die Ordnung zu behalten. Akribisch achten wir darauf, alles wieder an seinen Platz zu legen. Wir wollen also, das was schon zu Hause nie umgesetzt werden konnte, im kleinen Van üben.
Dass wir viel zu viele Sachen haben, wussten wir schon. Jetzt wissen wir auch, welche Sachen wir zu viel haben.
Wir könnten uns unsere zwei großen Kissen sparen. Die Kinder haben zu viele Plüschtiere, die in einem Kissenbezug in der Nacht verstau werden könnten. Das werden wir optimieren.
Eine Schublade haben wir schon von Spielzeug befreit, um Obst und Gemüse zu verstauen.
Unser kleines Kännchen nutzen wir nicht, da wir den losen Tee einfach in die Kanne werfen.
Die zwei Müllbehälter müssen wir loswerden, da sie zu viel Platz einnehmen und wir -hier in Schweden jedenfalls- gleich in die Mülleiner werfen. Die Infrastruktur der Müllentsorgung ist so gut ausgebaut wie in Deutschland. Zwei Mülltüten müssten reichen.
Auch unsere kleine Küchenkommode braucht eine weitere Platte, das werden wir bei Gelegenheit nachrüsten.
Unsere Festplatte ist auch noch nicht installiert. Die benötige ich, um Videos zu schneiden. Alles ist in der Mache.
Es stand die Frage, ob uns das Licht und die Sicht ausreichen würde oder ob wir noch ein weiteres Fenster brauchen. Nun ist sicher. Wir haben genug Licht und die Sicht ist auch super. Da der Sprinter so hoch ist, haben wir eine tolle Sicht auf die Umgebung während der Fahrt. In den paar Tagen schon einen Storch, einen Feldhasen, Rehe etc. gesehen. Die weite und hohe Sichtweite macht es umso leichter unsere inneren Scheuklappen abzulegen und sich auf die bunte Welt einzulassen.
Es werden sicher noch weitere Optimierungen nötig sein.
Platzmangel?
Wir sind viele Menschen auf kleinem Raum. Einmal ist unser Kind auch schon aus dem Auto gefallen. Es ist eine Mischung an sich aneinander reiben, über die Sitze kriechen und nicht rankommen, wenn die Betten ausgebreitet sind.
Dafür überwiegen die Vorteile von einem kleinen Fahrzeug, das wir über viele Straßen und an viele Plätze fahren können, wo ein Wohnmobil nicht hinkommt. Wir können einfach einparken und auch schnell Strecke zurück legen, wenn wir wollen. Zum Glück sind unsere Kinder nicht so groß. Die einzige leidende ist unsere Hündin Fiona. Schon immer hatte sie eine große Individualdistanz und mag es einfach nicht, wenn es eng wird. Tagsüber sucht sie sich lieber draußen ein Plätzchen. Wir achten darauf sie nicht einzuengen, ihr das so gut es geht gemütlich einzurichten und hoffen, dass ihr verzweifelter Blick bald nachlässt.
Schlafen im Van
Was sehr positiv ist, wir alle schlafen im Auto sehr gut. Wir haben befürchtet, dass unsere Kinder zu wenig Platz haben werden, beim Schlafen unter unserem Bett. Es ist genau das Gegenteil der Fall. „Die Höhle“ ist der Lieblingsplatz bislang. Der Schlafplatz an der Schiebetür ist aber auch schön, da unser Hund Fiona da auch schläft.
Wir haben alle viel Frischluft dank unserer Dachluke. Bald soll es in die Berge gehen. Da soll es noch Schnee geben. Mal sehen, ob wir unsere Standheizung vom Werk brauchen werden und ob diese uns auslangt.
Das Universum meint es gut mit uns
Nun stehen wir an einem weiteren wunderschönen See, wo wir Anne, Jörg & Hund Rudi kennen gelernt haben. Die haben schon eine dreiwöchige Reise durch Schweden hinter sich und haben uns tolle Tipps gegeben. Durch ein inneres Vertrauen haben wir gewusst, das der Weg uns schon leiten wird.
Unsere Mädels lieben Geschichten von der berühmten schwedischen Schriftstellerin. Somit war der Themenpark „Astrid Lindgrens Värld“(Astrid Lindgrens Welt) sehr gewünscht. Da dieser aber erst am 17. Juni öffnet und es sich fast fahrlässig anfühlt, sich gleich in den ersten Tagen mit tausenden anderen Leuten in einen Park zu stürzen, hatten wir ein inneres Dilemma. Genau bei dieser Sorge wurden wir von Anne abgeholt. Sie erzählte uns von dem Elternhaus von Astrid „Astrid Lindgrens Näs“ in Vemmerby. Mit dem Zitronenbaum vor dem Haus, wie man es aus Pippi Langstrumpf Geschichte kennt. Dort soll es schön und gemütlich sein. Auch der Ort Rumskulla, wo die Filme gedreht wurden, sind ganz in der Nähe. Da sind wir schon gespannt drauf und werden mit unseren Kindern auf jeden Fall besuchen.
Auch einige Nationalparks stehen nun auf dem Programm. Es geht also bald in den Norden.
Spätestens jetzt sind wir gefüllt mit innerer Dankbarkeit an das Universum. Der Weg wird uns gegeben, wir begegnen die ersten Menschen die uns mit Ihrer Begeisterung vom Land Schweden anstecken.
Homeschooling funktioniert so gut mit den Kindern. Wir haben überall gutes Netz und das Arbeiten an tollen Spots ist genial. Daran könnten wir uns gewöhnen. Die Stimmung ist super.
Uns ist klar, dass es auch anders zugehen wird. Doch der Start wird uns momentan leicht gemacht.